Wer ein TISAX®-Projekt startet, stößt früher oder später auf das TISAX® Teilnehmerhandbuch der ENX. Es ist das offizielle Nachschlagewerk zum gesamten Verfahren – von der Registrierung über das Assessment bis zum Teilen des Ergebnisses. Dieser Beitrag ist keine Kopie des Handbuchs, sondern eine Lesehilfe aus der Audit-Praxis: was drinsteht, welche Kapitel Sie wirklich brauchen und wo mittelständische Unternehmen typischerweise falsch abbiegen.
Was ist das TISAX® Teilnehmerhandbuch?
Das Teilnehmerhandbuch (englisch „TISAX® Participant Handbook“) wird von der ENX Association herausgegeben, die das TISAX®-Verfahren für die Automobilindustrie betreibt. Es richtet sich an TISAX®-Teilnehmer, also an Unternehmen, die sich prüfen lassen und ihr Ergebnis mit Partnern teilen wollen. Es beschreibt den Prozess – nicht die inhaltlichen Sicherheitsanforderungen. Diese stehen im VDA-ISA-Katalog, den wir im Beitrag TISAX® Fragenkatalog erklären.
Die Unterscheidung ist wichtiger, als sie klingt: Das Handbuch sagt Ihnen, wie Sie registrieren, einen Prüfdienstleister beauftragen und Ihr Label teilen. Was in Ihrem ISMS umgesetzt sein muss, steht dort nicht.
Welche Version des TISAX® Handbuchs gilt aktuell?
Aktuell ist die Version 2.8 vom 13. März 2025 (Stand: Oktober 2026, laut ENX-Handbuchseite). Sie liegt auf Englisch und Deutsch vor; die übrigen Sprachfassungen (u. a. Französisch, Spanisch, Italienisch, Polnisch, Tschechisch, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch) stehen teils noch auf Version 2.7 oder 2.7.1. Maßgeblich ist laut ENX im Zweifel die englische Fassung.
Zwei Hinweise für die Einordnung: Erstens erschien Version 2.8 vor der Veröffentlichung von VDA ISA 2027 im Juli 2026 – der neue Katalog wird im Handbuch also noch nicht behandelt. Zweitens beziehen sich die Erläuterungen, Beispiele und Bildschirmfotos zum Katalog laut Handbuch noch auf ISA Version 5. Für Ihre Umsetzung gilt dagegen die Katalogversion, die zum Zeitpunkt der Beauftragung Ihres Assessments maßgeblich ist (siehe unten).
Wie das ENX Teilnehmerhandbuch aufgebaut ist
Das Handbuch folgt dem dreistufigen TISAX®-Prozess. So nutzen Sie die einzelnen Kapitel in der Praxis:
- Kapitel 1 – Überblick: Zweck, Zielgruppe und Hinweise zur Nutzung. Kurz lesen, dann weiter.
- Kapitel 2 – Einleitung: Warum es TISAX® gibt und wer festlegt, was „sicher“ bedeutet. Gut für die Argumentation gegenüber der Geschäftsleitung.
- Kapitel 3 – Der TISAX®-Prozess: Die drei Schritte Registrierung, Prüfung und Austausch auf einen Blick. Ideal als Einstieg für alle Projektbeteiligten.
- Kapitel 4 – Registrierung: Scope, Standorte, Prüfziele, Assessment Level, Entgelt und die Online-Registrierung. Das wichtigste Kapitel vor dem Projektstart.
- Kapitel 5 – Prüfung: Selbsteinschätzung auf Basis des VDA-ISA-Katalogs, Auswahl des Prüfdienstleisters und der Ablauf des Assessments bis zum Label. Pflichtlektüre für die Person, die das Assessment verantwortet.
- Kapitel 6 – Austausch: Wie Sie Ihr Ergebnis veröffentlichen oder mit einzelnen Partnern teilen – und welche Freigaben endgültig sind.
- Kapitel 7 – Anhänge: Beispiele (Rechnung, Bestätigungs-E-Mail, Scope-Auszug), Statusbeschreibungen, angepasster Scope, Scope-Erweiterung, Lebenszyklus des ISA-Katalogs und Beschwerdemanagement. Zum Nachschlagen, wenn ein konkreter Fall eintritt.
- Kapitel 8 – Dokumentenhistorie: Was sich zwischen den Versionen geändert hat. Lohnt sich, wenn Sie mit einer älteren Fassung gearbeitet haben.
Die Abschnitte, die in der Praxis wirklich zählen
Aus unserer Projektpraxis wissen wir: Kaum jemand liest das Handbuch vollständig – und das ist auch nicht nötig. Diese Abschnitte sollten Sie kennen, bevor Sie Geld ausgeben:
- Vorbereitung der Registrierung (Kapitel 4.3): Hier entscheiden Sie über Scope-Art, Standorte, Scope-Name und Prüfziele. Fehler an dieser Stelle kosten später Geld, weil nachträglich hinzugefügte Standorte das Entgelt erhöhen und entfernte Standorte nicht erstattet werden. Unsere Zusammenfassung mit den typischen Fehlern finden Sie unter TISAX® Registrierung.
- Prüfziele und Assessment Level (Kapitel 4.3.3): Welches Prüfziel zu welchem Assessment Level führt und was der Prüfer bei AL2 und AL3 tatsächlich tut. Daraus ergibt sich, ob Ihr Assessment remote oder vor Ort stattfindet.
- Selbsteinschätzung (Kapitel 5.2): Wie der VDA-ISA-Katalog aufgebaut ist und wie Sie ihn ausfüllen. Für die inhaltliche Arbeit ist der Katalog selbst wichtiger als diese Beschreibung.
- Assessment-Ablauf (Kapitel 5.4): Erstprüfung, gegebenenfalls Maßnahmenplan und Nachprüfung bis zum Label. Hier verstehen Sie, was nach einem Befund passiert.
- Austausch (Kapitel 6): Wer Ihr Ergebnis sehen darf. Hier steht ausdrücklich, dass sich Veröffentlichungen und Freigaben nicht widerrufen lassen.
Typische Missverständnisse im Mittelstand
In unseren Projekten begegnen uns immer wieder dieselben Fehlannahmen – oft, weil das Handbuch nur auszugsweise oder in einer alten Fassung gelesen wurde.
„Das Handbuch ist der Anforderungskatalog“
Nein. Wer nur das Handbuch liest, kennt den Ablauf, aber keine einzige Sicherheitsanforderung. Die Messlatte für Ihr ISMS ist der VDA-ISA-Katalog. Wir empfehlen deshalb dringend eine GAP-Analyse: Sie misst den Reifegrad Ihres Unternehmens gegen den Katalog und zeigt genau, was bis zur TISAX®-Konformität noch zu tun ist.
„TISAX® ist ein Zertifikat“
Formal ist TISAX® keine Zertifizierung, sondern ein Label, das nach einem Assessment durch einen ENX-zugelassenen Prüfdienstleister vergeben wird. Das Ergebnis ist drei Jahre gültig und wird über die ENX-Plattform geteilt – nicht als Urkunde an die Wand gehängt.
„Ein angepasster Scope passt besser zu uns“
Das mag inhaltlich stimmen, hilft aber selten. Laut Handbuch akzeptieren andere Teilnehmer nur Ergebnisse auf Basis des Standard-Scopes, und die ENX empfiehlt ihn ausdrücklich.
„Lieber gleich das höchste Prüfziel“
Ein höheres Prüfziel führt häufig zu Assessment Level 3 – mit Prüfung vor Ort und deutlich höherem Aufwand. Das Handbuch empfiehlt, das Prüfziel mit dem Partner abzustimmen. Daran sollten Sie sich halten.
„Alle Standorte in einen Scope, das ist billiger“
Ein gemeinsamer Scope bedeutet ein Ergebnis für alle Standorte. Das funktioniert nur, wenn alle dieselben Prüfziele haben und alle bestehen. Ein schwacher Standort verzögert das Label für das ganze Unternehmen.
ISA 6 oder ISA 2027: Was gilt für ein heute beauftragtes Assessment?
Das Teilnehmerhandbuch nennt keine Stichtage für ISA 2027 – die Regel kommt von der ENX: Maßgeblich ist die ISA-Version zum Zeitpunkt der Beauftragung des Assessments. Assessments, die bis zum 31. Dezember 2026 beauftragt werden, laufen nach VDA ISA 6. Für alle ab dem 1. Januar 2027 beauftragten Assessments gilt VDA ISA 2027. Bestehende Labels bleiben für ihre volle Laufzeit gültig.
Ein Assessment, das Sie im Oktober 2026 beauftragen, wird also noch nach ISA 6 geprüft. Planen Sie die Beauftragung erst für 2027, bereiten Sie sich direkt auf ISA 2027 vor. Die Änderungen im Detail finden Sie unter VDA ISA 2027, die Systematik des Katalogs im TISAX® Fragenkatalog.
Wo Sie das offizielle Teilnehmerhandbuch herunterladen
Das Teilnehmerhandbuch stellt ausschließlich die ENX bereit – als Online-Fassung, Offline-HTML und PDF in mehreren Sprachen: enx.com/handbook. Laden Sie es dort herunter, damit Sie immer mit der aktuellen Version arbeiten. Kopien aus Drittquellen sind oft veraltet.
So unterstützt Sie 360 Digitale Transformation
Das Handbuch erklärt das Verfahren – die Entscheidungen müssen Sie selbst treffen. In der Beratung zu TISAX® übersetzen wir die ENX-Vorgaben in Ihre Situation: Scope und Standorte, passende Prüfziele, Aufbau des ISMS nach VDA ISA und Begleitung bis zum Label. Am Anfang sollte immer eine GAP-Analyse stehen – sie macht Ihren Reifegrad messbar und liefert die Liste dessen, was bis zur TISAX®-Konformität konkret fehlt.
Quelle: ENX Association, TISAX® Teilnehmerhandbuch, Version 2.8 vom 13.03.2025 (enx.com/handbook)
Über den Autor

Can Adigüzel ist Mitgründer und Geschäftsführer der 360 Digitale Transformation GmbH, Berater für TISAX® und ISO 27001 Lead Auditor mit über 200 Audits. Er ist seit 2012 im IT-Projektmanagement und seit 2019 in der Informationssicherheit tätig. Er hilft mittelständischen Unternehmen, Informationssicherheit pragmatisch umzusetzen.